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Solo auf schmalem Grat

Solo und ganz auf Reibung

Die Klimmspitze ist ein markanter eckpfeiler der Hornbachkette im Lechtal und ist 2464 Meter Hoch. DeR beeindruckende Ostgrat bietet Kletterschwierigkeiten bis in den III. UIAA Grad und ist nichts für schwache nerven. Die kletterei beschränkt sich überwiegend auf REibungskletterei und bietet abenteuerliche Tiefblicke in die Nordwand der Hornbachkette. Am Gipfel erwartet einen dann ein 360 grad Panorama.

Der Wecker klingelt und ich komme so gar nicht aus dem Bett. Eine geschlagene Stunde später als geplant verlasse ich dann doch mal das warme Nest und mache mich ganz langsam fertig. Noch immer weiß ich nicht welchen weg ich auf die Klimmspitze im Lechtal nehmen werde.

 

Normalweg oder Überschreitung?

 

Schon vom Parkplatz in Klimm leuchten die Platten des Ostgrates im ersten Sonnenlicht und ich kann mir nur schwer vorstellen, da alleine hoch zu kraxeln. Aber irgendwie reizt es mich schon muss ich gestehen. Also gut, ich mache es einfach von den Bedingungen abhängig und schaue ob es trocken oder nass ist. Der Normalweg führt mich auf den ersten Metern durch einen wunderschönen Wald und der Weg ist sehr angenehm zu gehen. Ich halte inne und genieße die Stille und die Stimmung um mich herum. Die Sonne erwärmt mein Geischt als sich der Wald lichtet und nach ziemlich genau 650 Höhenmeter treffe ich auf einen Murenabgang, welcher den Weg zerstört hat.

 

Die Entscheidung

 

Jetzt muss ich mich entscheiden. Ich gehe in mich und höre auf mein inneres Gefühl. Bin ich psychisch stark genug um den Ansprüchen gewachsen zu sein welche auf mich warten? Die Entscheidung fällt spontan relativ schnell und eindeutig aus. Ich werde es wagen und in den Grat einsteigen.

 

Der weitere Weg führt mich immer entlang des Murenabgangs und die erste Schlüsselstelle lässt nicht lange auf sich warten. Eine geneigte, frei gelegte Platte liegt vor mir, sie ist nass und extrem rutschig und nur ein ganz kleiner Streifen in ihrer Mitte ist halbwegs trocken. Zum festhalten gibt es hier leider nichts und ich muss extrem aufpassen um nicht abzurutschen. Es gelingt mir die nasse Platte sicher zu überwinden und ich steige weiter Bergauf bis ich schließlich das Steinkarle erreiche. Dort mache ich eine etwas längere Rast und studiere den gesamten Grat, welcher nun direkt vor mir liegt. Die schweren Bergstiefel tausche ich gegen meine leichten Zustiegsschuhe, denn diese eignen sich deutlich besser zum Klettern als unflexible und starre Stiefel.

 

Der richtige Weg will gefunden werden

 

Von nun an gibt es keinerlei Markierung mehr und ich muss den Weg zum Einstieg in den Grat selbst finden.

Ich halte mich entlang des Latschenrückens bis ich einen mächtigen Felsvorbau vor mir habe. Diesen erreiche ich über seinen steilen, südlichen Schrofenhang wobei ich über das Steilgras in der Rinne, welche sich in der Mitte des Hanges befindet empor steige. Auf dem Felsvorbau angelangt, quere ich hinüber auf den Ostgrat und blicke zum ersten Mal hinein in die senkrecht abfallende Nordwand und auf die ganze Rosszahngruppe mit Hochvogel.

Erneut sammle ich meine Gedanken und konzentriere mich nur auf das was direkt vor mir liegt, denn dies ist entscheidend und verlangt meine komplette Aufmerksamkeit. Alles andere ist in diesem Moment unwichtig. Es spielt keine Rolle wie weit ich stürzen könnte oder was hinter mir liegt. Entscheidend ist der Fels, die Griffe und die Tritte auf welche ich mich voll und ganz verlassen muss. Sauberes treten auf Platten ist dabei genau so gefragt wie ein gutes Gespür für eine mögliche Wegfindung sowie mögliche Griffe und Tritte. Ich bin alleine und keiner ist in meiner Nähe um mir Ratschläge geben zu können.

 

Ich fühle mich frei, frei von allem. Verantwortung nur für mich alleine und jede Entscheidung gibt mir sofortige Rückmeldung ob sie die Richtige ist. Gezielt und Sicher setze ich einen Fuß nach dem anderen und befinde mich dabei stets am Abgrund, bis ich schließlich in einfacheres Gelände gelange. Ich muss es fast geschafft haben, denn das letzte Stück zum Gipfel lässt zahlreiche Möglichkeiten im bröseligen Fels zu.

Ich blicke nach oben und das Gipfelkreuz steht direkt vor mir. Ich habe es geschafft und bin von meinen Gefühlen überwälltigt. - Ich habe es wirklich geschafft, alleine und ohne Sicherung.

 

Am Gipfel angekommen genieße ich das Panorama und bleibe ganze zwei Stunden dort sitzen. Ich denke viel nach und freue mich einfach nur hier sein zu dürfen. Um 15 Uhr mache ich mich dann an den Abstieg. Über den Normalweg welcher teilweise steil und voller Schotter ist geht es ziemlich zügig bergab. Nach kurzer Zeit treffe ich eine Freundin und wir unterhalten uns noch ziemlich lange. Fast schon etwas zu lange, denn ich habe am Abend noch eine Verabredung. Also heißt es Gas geben. Das tat ich dann auch in der Hoffnung noch rechtzeitig am Auto anzukommen. 650 Höhenmeter in 30 Minuten. Wie ich das geschafft habe ist mir ein Rätsel. Aber eines kann ich Dir sagen, ich hatte am nächsten Tag den Muskelkater meines Lebens. *grins*

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Kommentare: 3
  • #1

    Martha (Montag, 04 November 2019 20:53)

    Tolle Fotos und ein mitreißender Bericht... Weckt in mir sehr grosse Lust diesen Grat auch zu machen....
    Gratuliere Dir zu dem Erfolg.

  • #2

    Britta (Montag, 04 November 2019 21:15)

    Sehr schöne Bilder und ein Bericht der teilweise Gänsehaut-Feeling beinhaltet!!! Ich bin absolut ein Laie, was so etwas betrifft....Respekt vor diesen Berg, Respekt von deiner Tour.

  • #3

    Daniel (Montag, 04 November 2019 23:04)

    Ein toller Bericht und wunderschöne Bilder �. Super dass du die Wanderung und den Aufstieg so bewusst wahrnimmst und auch mit deinem Blog anderen Leuten zugänglich machst.

    Und nicht nochmal so schnell so viele Höhenmeter in kurzer Zeit zurücklegen �